Als Journalist in Norwegen

Heute will ich den jungen Journalisten unter euch von einem tollen Programm erzählen, für das ihr euch bewerben solltet: Das Internationale Journalisten Programm. Es finanziert jedes Jahr etlichen Journalisten auf der ganzen Welt einen ein- bis dreimonatigen Aufenthalt in mehr als 40 Ländern.

 

Schon früh begegnete mir die Ausschreibung für das Deutsch-Nordische Programm, allerdings hat es zeitlich oft nicht gepasst. 2013 habe ich der Frankfurter Rundschau erzählt, dass ich mich gerne bewerben würde und erstaunlicherweise wurde die Bewerbung sofort unterstützt. Meine Chefin vom Dienst schrieb mir ein Empfehlungsschreiben und ich schickte die Unterlagen ab. Nach zwei Monaten kam der Anruf von Vassilios: Ich bin dabei!

Wir organisierten auf der Arbeit meine Vertretung, ich arbeitete Kollegen ein. Gleichzeitig machte ich mich zusammen mit Clemens, dem Betreuer der Deutschen, die in den Norden gehen, auf die Suche nach einer geeigneten Redaktion. Ich wusste gleich, dass ich gerne zu Dagbladet wollte, einer norwegischen Tageszeitung. Es ist eine Zeitung, die boulevardesk, aber doch seriös ist. Die einfache Sprache war es, die mich reizte, denn ich wollte auf Norwegisch publizieren. Es gibt drei große Tageszeitungen in Norwegen: VG ist die Boulevard-Zeitung, Aftenposten sehr textlastig und seriös. Und eben Dagbladet, eine Zeitung, die ich online auch gerne lese. Und siehe da: Dagbladet nahm ich auf.

 

IJP zahlt für den Aufenthalt pauschal eine Summe, das Stipendium für die Deutschen in Norwegen liegt bei 2700 Euro für zwei Monate, dazu kommen 500 Euro Reisekostenerstattung. Das ist für Norwegen nicht all zu viel Geld, aber ich konnte mich glücklicherweise bei meiner Aupair-Gastfamilie einquartieren, sodass meine Mietkosten nicht den üblichen Mieten in Norwegen entsprachen. Dennoch: Ein ganz günstiger Spaß war die Sache nicht. Durch viele Ausflüge und einen nicht gerade günstigen Lebensstil vor Ort mit vielen Unternehmungen, kam ich etwa auf 2000 Euro Ausgaben zusätzlich. Wohnungen und Anschluss zu finden, war für die meisten übrigens nicht schwierig: Es gibt ein großes IJP-Alumni-Netzwerk, und alle helfen mit, wenn jemand Hilfe braucht.

 

Die IJP-Zeit begann mit einer Tagung in Helsinki. Die zwölf Stipendiaten aus Deutschland, Norwegen, Island, Schweden, Dänemark und Finnland lernten mehr über Finnland, finnische Politik, das Verhältnis zu EU und NATO, wir sprachen über deutsch-finnische Handelsbeziehungen und sprachen mit Autoren über die Buchmesse, bei der Finnland 2014 Ehrengast sein sollte. Nach einigen Tagen mit viel Input und interessanten Menschen, flogen wir allesamt aus.

 

Bei Dagbladet wurde ich sehr herzlich empfangen. Ich war die erste Stipendiatin dort und alle waren sehr interessiert, mehr zu erfahren: über mich, den Journalismus in Deutschland und das Programm. Ich ging davon aus, dass ich erst einmal wie ein Praktikant mitlaufe und mir alles anschaue. Nichts da. "Du bist ausgebildete Journalistin, du sprichst fließend Norwegisch, es gibt keinen Grund, dass du hier nicht voll einsteigst", sagte der Chef vom Dienst.

 

In den ersten zwei Wochen war ich in der Verbraucher-Redaktion, bestehend aus etwa zehn Journalisten. Es wurde täglich ein Beitrag für die Print-Zeitung produziert, ansonsten entstanden alle Texte für die Online-Ausgabe. Ich schrieb meine ersten beiden Texte, die Redakteure gingen sie mit mir Punkt für Punkt durch, denn einige Dinge sind doch anders. In Norwegen müssen etwa nahezu alle Aussagen des Journalisten durch Zitate wiederholt werden.

 

Danach ging es für mich in die Nachrichten- und Politik-Redaktion. Es war spannend, plötzlich tagesaktuell zu arbeiten und auch Leute kennenzulernen, über die ich aus Deutschland auch öfter schrieb. Ich hatte mehrfach mit dem norwegischen Außenminister zu tun und konnte einige spannende Themen bearbeiten, etwa verfolgte ich die Debatte, ob die Regierung den Dalai Lama in Empfang nehmen soll. Eigentlich wäre es ein wichtiges Zeichen, da waren sich alle sicher, aber seit der Friedensnobelpreis-Vergabe an Liu Xiaobo 2010 gibt es keine diplomatischen Beziehungen mehr zwischen Norwegen und China. Es war in diesem Fall auch spannend zu sehen, wie meine Kollegen aus Norwegen die Geschichte aufbereiteten - immerhin hatten wir exakt die gleichen Recherchen, wir sprachen mit den gleichen Menschen und waren in den gleichen Sitzungen. Manchmal wurde ich sogar vorgeschickt bei Politikern - die Redaktion war der Ansicht, dass ich mehr Auskunft bekomme, weil alle norwegischen Politiker sehr bedacht auf ihr Image in Deutschland sind.

 

Auch die Unterschiede im Arbeitsablauf waren interessant zu beobachten. In Norwegen ist der Feierabend heilig. Journalisten, die morgens um 9 Uhr zur Konferenz kommen, fahren um 16 Uhr ihren Computer runter. Wenn der Text noch nicht fertig ist, arbeitet ein anderer weiter daran. Es gibt daher am Nachmittag immer Übergaben in Sachen Recherchen. Sowieso ist Teamarbeit sehr gefragt, was ich aus Deutschland so nicht kenne: Es arbeiten schon einmal fünf Leute an einem Text von 80 Zeilen (die Texte sind deutlich kürzer als hierzulande). Erstaunlicherweise hat das ganz gut funktioniert.

 

Die Wochen in Norwegen waren sehr anstrengend, aber wahnsinnig intensiv und lehrreich. Bei Gelegenheit erzähle ich euch mehr über das Verhältnis von Print und Online in norwegischen Medien - ein Vorreiter-Modell für Deutschland. Ich schrieb gleichzeitig für die FR und Dagbladet, manchmal morgens auf Norwegisch und mittags auf Deutsch oder umgekehrt. Gleichzeitig hatte ich Zeit, ein paar Geschichten zu recherchieren, die ich längst erzählt haben wollte. So hatte ich schon jahrelang Kontakt mit Lebensborn-Kindern und konnte mir endlich die Zeit nehmen, mich ausgiebig mit ihnen zu unterhalten und mich mit diesen speziellen Folgen von Nazi-Deutschland beschäftigen.

 

Die Zeit endete mit einem Workshop in Potsdam, wo es zum Großteil um deutsche Geschichte ging. Wobei enden an dieser Stelle vielleicht nicht ganz richtig ist: Ich bin jetzt Teil des IJP-Netzwerkes. Immer wieder gibt es Veranstaltungen, Recherchefahrten und der Austausch ist erstaunlich rege. Bei Recherchen helfen wir uns gegenseitig - schreibe ich etwas über Schweden, kann ich meine Mit-Stipendiatin anrufen und sie steht sofort zur Verfügung. Genau wie ich in Sachen Pegida beispielsweise öfter kontaktiert wurde. Ohnehin sind die Kontakte auch über ein Jahr nach meiner Rückkehr noch stark: Hin und wieder schreibe ich auch noch für Dagbladet. Manchmal rufen sie an und fragen, ob ich berichten kann. Manchmal melde ich mich, wenn ich Zeit habe und ein Thema spannend finde. Eine rundum tolle Sache für Journalisten, die sich auch mal ein wenig umschauen wollen!

 

In zwei Jahren darf ich mich für das nächste Stipendium bewerben. Ob es schon in zwei Jahren ist, weiß ich noch nicht. Aber ich möchte auf jeden Fall noch einmal die Chance für zwei Monate nutzen. Am liebsten im südlichen Afrika.

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