Israel



 

Was treibt Israelis? Warum reagiert Israel oft in meinen Augen so unverhältnismäßig auf palästinensische Angriffe? Warum engen sie Araber so ein? Zugegeben, eine Reise mit dem Israelischen Tourismusbüro, ist kein Ort für eine sehr hintergründige Auseinandersetzung. Aber die einwöchige Tour von Tel Aviv über Nazareth zum See Genezareth, vom Westjordanland ans Tote Meer, nach Masada und En Gev sowie nach Jerusalem gab einen Einblick. Die Reise hat mir gezeigt, wie unheimlich Religion aufgrund der starken Macht, die sie auf manche Menschen ausübt, sein kann. Wie irrational Menschen plötzlich handeln. Mehr zu meinen Gedanken lest ihr hier.



Tel Aviv

In Tel Aviv startete die Reise. Noch nirgendwo auf der Welt bin ich mit Menschen einfacher ins Gespräch gekommen als hier. Permanent wird man angesprochen, ob in Bars, am Strand, im Taxi. Alle haben etwas zu erzählen. Einige folgen der staatlichen Linie treu, andere sehen die politische Rolle ihres Landes sehr kritisch und fordern mehr Empathie. Am Abend fragte mich unser Nightlife-Guide, wie mein Israel-Bild vor der Reise war. Ich antwortete ehrlich. Er sagte: "Lass uns über den Krieg sprechen." Wobei auch gilt: Einige Aussagen lassen immer wieder Zweifel: In diesem Moment ist es gut, dass es in Tel Aviv freies und kostenloses Wi-Fi gibt. So können wir auch immer wieder Dinge nachlesen und besser einschätzen.

 

Für mich ist es die erste Reise in ein Land, das sich im Krieg befindet. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gigantisch.  Befragungen noch ehe man von der Polizei das Absperrband geöffnet bekommt, um sich beim Check-In anzustellen. Alles mögliche wird kontrolliert, abgefragt. Warum sind Sie hier? Was wird in Ihrem Artikel stehen? Letzteres halte ich mir übrigens offen. Ich möchte offen auf Land und Leute zugehen, oder immerhin so offen wie möglich, und schauen, was sich für einen Text anbietet. Am Flughafen standen permanent zwei Militärs mit Maschinengewehren um uns herum. Nach der Ankunft ging es eine Stunde an den Strand, wo sich Hunderte junger, hübscher Menschen mit Traumkörpern tummeln. Nach dem Essen ging es weiter ins berühmte Nachtleben. Wir hatten eigens einen Nightlife-Guide, der uns durch die Bars führte, vorbei an den Warteschlangen. Das Nachtleben ist wirklich speziell. Die Menschen sind sehr offen und freundlich, immer wird geplaudert, wenn auch nur für ein, zwei Sätze. Das ganze Leben scheint sich auf der Straße und in den Bars abzuspielen. 24 Stunden ist etwas los, sobald irgendwo eine Bar schließt, macht eine andere auf. Der Guide führte uns unter anderem in das Szenelokal Abraxas und in die Schwulenbar Elvira.

 

Am Vormittag ging es nach Old Jaffa, wo wir mehr über Kunst, Kultur und Geschichte erfuhren. Eine wirklich beeindruckende Stätte - mit einem fantastischen Blick über Tel Aviv. Spannend war der Besuch im Tel Aviv Museum of Arts. Nebst Bildern von Renoir, Van Gogh, Picasso und Co ist derzeit eine Fotoausstellung zu sehen, "This place". Fotografen fuhren nach Israel und jeder von ihnen hat dokumentiert, was für ihn Israel ausmacht. Es sind Portraits zu sehen, Szenen aus dem Nachtleben, historische und religiöse Stätten - aber auch der Konflikt mit Palästina ist sichtbar, was mich doch überrascht hat. Wir schlenderten durch die von deutschen Christen gebaute Siedlung Sarona (Schwaben - wer sonst?) und dann ging es noch einmal an den Strand.

 

Unsere geplante Segway-Tour am zweiten Morgen fiel aus organisatorischen Gründen leider aus, dafür ging es auf den Carmel Markt, den wir eigentlich bereits gestern besuchen wollten - doch Samstag ist eben Shabbat, da wird nicht gearbeitet. Nach dem kurzen Schlendern ging es vier Stunden um Mode: Die Modeberaterin Galit Reismann von TLVStyle  führte uns hinter die Kulissen einiger Modelabels. Zunächst besuchten wir die wunderhübsche (alle Menschen hier sind so hübsch!) Danit Peleg, die Mode mit dem 3D-Drucker macht. Noch dauert das alles ziemlich lange und ist daher teuer, aber ihre Vision ist es, irgendwann nur noch Dateien zu verschicken, sodass Menschen sich ihre Kleidung direkt selbst ausdrucken können. Eine schöne Idee, und die Teile sahen - obwohl ich wenig von Mode verstehe - wirklich hübsch

aus. Über 4 Millionen Mal wurde das Video von Danit schon angeschaut, obwohl sie die Mode erst im Juni präsentierte und öffentlich machte. In den kommenden Wochen reist sie durch Amerika und Europa, um ihre Idee zu präsentieren.

 

Weiter ging es bei Me Dusa, einem bereits etablierten Label, das seinen Schmuck und seine Handtaschen sowohl für Stars als auch Normalos kreiert. So gibt es in dem Laden - der ziemlich nach Luftmatratze riecht - Handtaschen und Schmuck für jedermann (aus recycelbarem Plastik), und für die Reichen sind die Taschen mit Perlen besetzt. Im Gegensatz zu Danit haben sich die beiden Damen schon auf dem Markt etabliert, laut Garit trägt inzwischen jede zweite Frau in Tel Aviv die Taschen. 

 

For those who pray arbeitet mit Leder - allerdings mit Lederresten, die vom Tür übrig bleibt. Für die Designerin ist das auch nachhaltig, immerhin nutzt sie nur Reste. "Wenn wir schon Tiere töten, dann sollten wir auch alles verwerten", sagt sie. Der Schmuck ist allerdings sehr special, und doch eher etwas für Gothic-Leute oder jene, die ein extremes Statement setzen wollen. Zuletzt ging es zu Maskit. Früher wurde hier ganz Israel eingekleidet. Nachdem die Firma in den 90er Jahren aber zugrundegewirtschaftet wurde, starteten ein paar junge Leute noch einmal wieder, allerdings mit High Fashion. Das stehe, sagt Galit, für den Wandel in Israel: Die Jungen wollen kreativ sein, sich immer neu erfinden, dabei aber auf Traditionen zurückgreifen.

 

Insgesamt war mir die Tour wohl etwas zu Special Interest, das ist einfach nicht meine Welt. Zwei Besuche hätten mir absolut gereicht, gerade angesichts der Tatsache, was dieses Land sonst noch alles zu bieten hat.


Jerusalem

Wäre ich noch nicht aus der Kirche ausgetreten, würde ich es spätestens nach dem Besuch in Jerusalem tun. Die Stadt finde ich zutiefst befremdlich, was natürlich mit der Religion zu tun hat. Auch wenn hier heute alle Religionen friedlich zusammenleben, so zeigt mir die Stadt doch, welches Pulverfass Religion ist. Denn hier wird Religion zur Schau getragen und vielleicht habe ich deshalb erst heute realisiert, was Religion eigentlich bedeutet und welche Kraft sie für so viele Menschen hat. Klar gibt es den IS, die Taliban, die Salafisten, den Ku-Klux-Klan und ähnliches, ich meine aber eher die Menschen, die wie du und ich unter uns leben, und die sich doch über Religion definieren. Das macht mir Angst. Es macht mir Angst, weil ich die Energie unterschätzt habe, die möglichen Provozierungen im Kleinen. Da sind die Menschen, die heulend in der Grabeskirche, wo Jesus gekreuzigt und gestorben sein soll, sowie an der Klagemauer zusammenbrechen. Da sind Menschen, die Kreuze quer durch die Altstadt tragen, um den Leidensweg nachzuempfinden - die Gassen teilen sie sich mit den Händlern der Souvenierläden. Da sind die Menschen, die willkürlich entscheiden, wer wann und wie auf den Tempelberg darf. Jerusalem ist eine Stadt, in der in jeder Ecke jemand mit Maschinengewehr oder einem Tränengasgürtel steht. Natürlich gab es die Anschläge, natürlich gibt es eine reele Gefahr. Aber deeskalieren Gewehre? Oder verunsichern sie? So viel Machtdemonstration, so viel Drama, so viele Emotionen.

 

Jerusalem ist anstrengend. Und Jerusalem löst in mir das Gefühl aus, für jeden eine Bedrohung zu sein. In allen Blicken schwingt - nach meinem Gefühl - die Unterstellung mit, etwas böses zu wollen. Natürlich gab es hier Anschläge, natürlich darf man das nicht verharmlosen. Aber ich schreibe ja auch nur über mein Gefühl. Und wenn es mir als Nicht-Gläubiger so geht, wie geht es dann Gläubigen?

  

Aus diesen Gründen fühle ich mich an diesem Ort völlig fehl am Platz. Ich sehe ihn als einen Ort, der jederzeit zum Pulverfass werden kann, da so viele Extreme und so viel Irrationalität auf einem Fleck versammelt sind. Permanent habe ich das Gefühl, nicht ich selbst sein zu können, ohne jemanden in seinem Glauben zu verletzen und damit eine Eskalation zu provozieren, die ich gar nicht wollte.

  

Alle in unserer Truppe - obwohl einige konfessionslos und andere christlich sind - steckten beispielsweise Zettel in die Klagemauer. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, als sie anfingen davon zu sprechen, keinen Gedanken daran verschwendet. Warum auch? Das ist eine jüdische Tradition, damit habe ich nichts zu tun. Und auch: Wäre ich gläubiger Jude, fände ich es dann provokativ, gar despektierlich, würden Anders- oder Nichtgläubige mein heiliges Symbol als Forum nutzen, obwohl

sie in ihrem Leben niemals Berührungspunkte damit hatten?

  

Am Abend sahen wir die Show "Night Spectacular", bei der die Geschichte Jerusalems in Bildern erzählt wird, projeziert auf die Stadtmauer. Ich merkte, wie mich die vielen Friedenstauben, die überall an die Mauer projeziert wurden, aggressiv machten. Seit ich dieses Land betreten habe, begleiten mich Bilder der Tauben und Sprüche zum Frieden. Erst hielt ich es für eine nette Geste, dann für einen Wunsch. Inzwischen scheint es mir eher als Fassade. Für Frieden reicht es eben nicht, Tauben an eine Wand zu projezieren. Frieden fängt woanders an.

 

Der letzte Tag der Tour führte uns nach Yad Vashem, dem Holocaust-Museum. Auch wenn ich schon in Konzentrationslagern war, Ausstellungen und Museen zum Holocaust gesehen habe und mit Zeitzeugen sprach, die Erfahrung war noch einmal ganz anders und hat mich tief berührt. Zum einen ist das Museum in Israel zu sehen, in dem

Land, das ich nun ein paar Tage kennenlernen durfte und in dem ich viele tolle Menschen getroffen haben - die Juden sind und die meisten von ihnen haben wohl Vorfahren durch Nazi-Deutschland verloren. Zum anderen habe ich noch nie eine derartige Flut zu dem Thema erlebt. Das Museum ist riesig, es gibt unzählige Exponate, kein Fleck an der Wand ist hell, denn in jedem Raum sind große Bilder aus KZs im Hintergrund zu sehen. Dazu laufen überall Videos, Stimmen erzählen. Eine solche Wucht und Macht von Bildern hat mich schlicht überfordert und in manch einem Raum konnte ich es kaum ertragen. Etwa, als in einem Raum in den Boden eingelassen (mit Glasdach) unzählige verkohlte Schuhe ausgestellt

waren. Diese Grausamkeit, obwohl so schlicht dargestellt, war für mich nicht auszuhalten. Es sind auch nicht viel mehr Worte nötig: Sechs Millionen Juden, ermordet mitten in Europa, auf grausamste Art und Weise. Es ist unsere Aufgabe, diese Grausamkeit niemals vergessen zu lassen und unsere Aufgabe, uns dem Hass gegenüber Menschen entgegen zu stellen. Don't evet let this happen again.

 

Es ist schwierig, danach wieder im Alltag anzukommen. Einige von uns gingen shoppen, andere wollten reden, wieder andere ihre Ruhe haben. Ich zog mich zuerst aufs Hotel zurück. Später am Abend führte uns nur ein kleiner Ausflug an die nahegelegene Railway Station, die aber vielmehr Vergnügungszentrum ist als Bahnhof. Ein Laden steht neben dem anderen, dazwischen Bars und Hipster-Läden.


Rund ums Tote Meer (Masada, En Gedi, Negev)

Unser Hotel lag Südufer des Toten Meers ein – auch so ein trauriger Anblick. Inzwischen gibt es quasi zwei Tote Meere, weil das Wasser so weit zurück gegangen ist, dass der Nord- und der Südteil getrennt sind, weil es dort eine Erhebung im Wasser gab. Ein künstlicher Kanal leitet nun das Wasser in den Südteil, weil dort alle Hotels stehen...

 

Nach  einem kurzen Empfang in En Bokek ging es direkt auf Tour: Mein bisheriges Highlight. Wir fuhren mit dem Jeep und Ali, einem Beduinen, in die Wüste. Um das Tote Meer herum gibt es eine Steinwüste, ein Ausläufer der Negev. Ali ist ein super sympathischer, offener, witziger und gleichzeitig kompetenter Mann für solche eine Tour. Mit ihm würde ich sofort für eine Woche einen Survival-Trip machen. „Sehr ihr das? Das sind Fußspuren, sowas wie die Beduinen-SMS... Wenn wir das Tier dann gefunden haben, ist es eine MMS.“ Er fuhr mit uns allerlei lustige Pisten runter ("Beduin Motorway"), sodass wir doch das ein oder andere mal erschrocken sind und kreischen mussten, obwohl es super amüsant war. Ein wenig wie Achterbahnfahren ("Massage Beduin style"), aber mit einem wahnsinnigen tollen Ausblick. Sowas habe ich noch nie gesehen. Immer wieder hielten wir, weil Ali uns etwas erklärt hat oder er uns etwas zeigen wollte: Mit welchen Pflanzen Beduinen sich waschen, welche sie essen usw. Es war toll. Wir krabbelten alle in eine Höhle, in der sich sein Volk früher aufhielt und in der es angenehm kühl war (draußen über 40 Grad). Heute wohnt er im Dorf, und in Israel gibt es keine Nomaden mehr. Wir genossen eine fantastische Aussicht und auf dem Rückweg begegnete uns sogar noch ein freilebender Esel. Das war Tier Nummer vier auf diesem Trip: In Tel Aviv lief uns ein Chamäleon über den Weg. Und auf der heutigen Fahrt sahen wir zunächst einen Steinbock und dann (nach einer ganzen Horde Esel) zwei Kamele. Um im Beduinen-Feeling zu bleiben, aßen wir in einem Beduinen-Restaurant, das war wirklich unfassbar lecker.

 

Und wenn man schon mal ein Hotel am Toten Meer hat, kann man abends ja nochmal ins Wasser hüpfen. Wobei hüpfen quasi lebensgefährlich ist. Untergehen kann man hier übrigens nicht, ich hatte nicht einmal die Kraft, meine Beine auf dem Boden zu halten, so stark wurden sie nach oben gedrückt. Das hätte ich nie gedacht. So lag ich also hilflos wie eine Schildkröte auf dem Rücken und habe die Aussicht genossen.

         

 

Der zweite Tag startete so ungewöhnlich, wie der Vortag aufhörte: Mit einem Bad im Toten Meer, auch Floating genannt. Das erstaunliche ist ja, dass die Außentemperatur um 8.30 Uhr schon bei 37 Grad lag, das Wasser aber deutlich wärmer ist als diese 37 Grad. Beim ersten Eintreten habe ich mich erschrocken, so heiß war das Wasser. Es tat fast ein wenig weh. Wir schwebten im Meer, schmierten uns anschließend mit Matsch ein und floateten noch ein wenig mehr. Dabei durften die  obligatorischen Bilder natürlich nicht fehlen. Das Erlebnis ist für mich einmalig: Wer ins Wasser geht, hat allerhöchste Mühe und benötigt all seine Kraft, um die Beine auf dem Boden zu halten. Ansonsten flutschen sie einfach nach oben und schon liegt man auf dem Rücken.

 

Den Vormittag verbrachten wir auf Masada. Ein Sandsturm, der sich aus dem Irak im gesamten Nahen Osten verbreitete und im Libanon gar zwei Menschenleben kostete, machte uns den Tag erstaunlich angenehm. Die Luft war zwar wahnsinnig feucht und staubig und man konnte nur ein paar Meter weit schauen, sodass die Aussicht auf dem Berg (der Dank der tiefen Lage Israels bei etwa 200 Meter unter Normalnull beginnt und nur 33 Meter über Normalnull endet) leider nicht so dolle war. Dafür hielt der Sand die Sonne zurück, sodass die rund 40 Grad halbwegs erträglich waren, auch wenn ich noch nie in meinem Leben so geschwitzt habe wie heute. Masada hat eine einzigartige Geschichte: Schon Herodes ließ sich auf dem Berg eine Burg bauen und führte ein Wassersystem ein. 70 n.C. haben sich hier jüdische Rebellen versteckt, als die Römer Jerusalem einnahmen. Drei Jahre harrten die rund 900 Leute auf dem Berg aus. Dann stürmten die Römer den Berg. Als sie kurz vor dem Ziel waren und klar war, dass die Situation aussichtslos ist, brachten sich auf dem Berg nahezu alle Menschen gegenseitig um. Nur zwei Frauen und fünf Kinder überlebten. Erstaunlich war für mich vor allem, mit welcher Intelligenz und Manpower schon damals eine Infrastruktur aufgebaut wurde. Es gab Wassertanks, Lager für Oliven, Datteln und Feigen und ein komplettes Wassersystem, bei dem Regenwasser aufgefangen wurde.

 

Zwischen Jerusalem und Masada liegt der Nationalpark En Gedi, die einzige Oase in der Gegend. Schon auf der Jeep-Tour hat mich fasziniert, wie in dieser Steinwüste doch so manche Pflanze überleben kann. Einige sind sogar grün. Und die wenigen Pflanzen sind auch noch Nahrungsquelle sowohl für Tiere als auch Mensch. Die Natur ist wirklich unfassbar. Wir wanderten zunächst eine halbe Stunde durch den Park, vorbei an Steinböcken und Klippschliefern, immer entlang des Wassers. An jedem kleinen Wasserfall machten wir Halt, erfrischten uns, tranken Wasser und kühlten unsere Füße, Arme und Gesichter. Am Ziel erwartete uns ein Anblick wie im Regenwald: Alles war grün, der Wasserfall plätscherte einige Meter tief nach unten. Eine Gegend voller Leben mitten in der Wüste. Der Anblick erinnerte mich stark an Kuba, allerdings war ich dort ja auch in einem Regenwald.            


Westjordanland

Der Weg vom Toten Meer zum See Genezareth führt durch das Westjordanland, wo wir die Grenze passieren mussten. Das war ein sehr einprägsamer Moment für viele von uns. Für mich auf jeden Fall. Es ist unglaublich, in ein Gebiet einzureisen, in dem die Bevölkerung quasi gefangengehalten wird, während ich einfach durchfahren kann. Im Auto entstand eine sehr hitzige Diskussion zwischen unserer Tourguide (ich erinnere: vom staatlichen Tourismusbüro) und zwei, drei von uns Journalisten, die sich immer dann einmischten, wenn ein entscheidender Teil in der Geschichte unserer Ansicht nach verharmlost wurde. Es war spannend zu sehen, wie unsere ansonsten super tolle, relaxte, lustige, gebildete und gesellige Tourguide auf einmal angespannt und schnippisch wurde, fast beleidigt war. Wir hielten dann auf unser Drängen im Westjordanland, auch wenn es ungern gesehen wurde. Wir schauten die Grenze entlang, ein bedrückendes Gefühl. Über die vielen Grenz-Situationen hier werde ich sicher noch viel nachdenken, aber da muss sicher auch noch das ein oder andere schlicht nachwirken.

 

Wir fuhren am Grenzzaun entlang, entlang auch des Jordan, der ein wirklich erbärmliches Bild abgibt. In vielen Teilen ist er nicht einmal mehr als Fluss erkennbar. Bei uns würde man das bisschen Wasser noch maximal als Bach bezeichnen. Unfassbar, wie er heruntergewirtschaftet ist, wie selbst jetzt, wo die Folgen so deutlich spürbar sind – das Tote Meer geht jedes Jahr etwa einen Meter zurück -, noch immer nicht wirklich an einer Lösung gearbeitet wird. Müssen nicht irgendwann persönliche Eitelkeiten hinter solch elementar wichtigen Dingen wie der Natur, wie der kompletten Wasserversorgung für die Region, zurückstecken? Ein Mitreisender fragte, warum der Jordan so wenig Wasser hat. "Nicht nur wir holen da Wasser raus", antwortete unsere Tourguide. Auch das schwingt immer irgendwie mit: Die Kritik an Israel aus dem Ausland, als "the bad guy" angesehen zu werden, wie sie es nannte.


See Genezareth

Die Fahrt endete am Kibbutz En Gev in Galiläa, am Ostufer des Sees Genezereth vor einer atemberaubenden Kulisse. Wir sahen den Sonnenuntergang im Meer, das schöne Land, aber wir hatten eben auch die Golanhöhen im Rücken. Mein Inneres kämpft seit der Ankunft, heute besonders. Einerseits ist da dieses wunderbare Land mit einer herrlichen Natur, mit super-freundlichen Menschen und einer interessanten Kultur. Andererseits denke ich bei jedem schönen Moment daran, dass nur wenige Kilometer weiter Krieg ist oder war. Schwimme ich im Mittelmeer, denke ich an die Menschen, die nur wenige Kilometer weiter bei der Operation Protective Edge in Gaza im vergangenen Jahr ihre Häuser, Angehörige und auch Hoffnung und Zukunft verloren haben. Auch wenn ich hier durchaus auf viele Israelis treffe, die mit mir darüber diskutieren und mir bewusst ist, dass der Nahost-Konflikt so komplex ist, dass ich ihn niemals durchdringen werde, so sperrt das Land, in dem ich mich gerade befinde, doch Menschen auf einem Stück Land ein und wirft Bomben darauf auf, während ich bade und die Aussicht genieße.        

 

Ähnlich ergeht es mir nun am Lake Kinneret, dem See Genezareth, in Galiläa. Auf der einen Seite diese wundervolle Landschaft, der See, die Berge. Auf der anderen Seite immer im Hinterkopf, dass auf der anderen Seite der Golanhöhen Väter und Mütter, Brüder und Schwestern, Kinder und Großeltern, in Syrien um ihr Leben kämpfen. Das macht den Krieg spürbar. Es trübt die Stimmung und ich finde die Worte nicht, die diese Situation, den inneren Konflikt beschreiben. Es bedrückt mich, es macht mir Angst, es macht mich wahnsinnig wütend und gleichzeitig fühle ich mich hilflos, aber auch undankbar, dass ich dem, was ich derzeit erlebe und sehe, nicht die nötige Dankbarkeit entgegen bringe. Denn dieses Land und seine Menschen sind wirklich außergewöhnlich.        

 

Am Abend, als es schon dunkel war, sind wir noch einmal zum Strand und haben uns ins sicher 29 Grad warme Wasser gelegt. Eine Stunde sprachen wir, lagen im Wasser, schauten in einen wunderbaren Sternenhimmel und auf die Lichter aus Tiberias. Es könnte so einfach sein.

           

Am Morgen führte uns zunächst ein Mitglied des Kibbutz Ein Gev über das Gelände und erzählte aus den 67 Jahren, die er dort verbracht hat. Seine Eltern trafen sich im Kibbutz, er wurde dort geboren. Interessant ist dabei, dass sein Vater einer der Gründer des Kibbutz ist – und aus Frankfurt stammt.

 

Das Kibbutz Beit Zera stand danach auf dem Programm. Beide Touren zeigten, dass die Moderne auch in die Kibbutzim eingezogen ist. Früher lebten Kinder im Kinderhaus und wurden gemeinschaftlich erzogen. Nur vier Stunden täglich waren sie mit den Eltern zusammen. Gegessen wurde gemeinsam im Speisesaal und keiner bekam Gehalt. Stattdessen gab es alles im Kibbutz umsonst, vom Haus über das Essen und die Kleidung bis hin zu Spielzeug und Fahrrädern. Während zunächst nur die etwas von ihrem Gehalt behalten durften, die im Kibbutz lebten, aber außerhalb arbeiteten, bekommen inzwischen sogar diejenigen Lohn, die im Kibbutz arbeiten. Das sei zwar ein Fortschritt, und man könne nun auch mal reisen, sagte Yoel, den wir trafen, aber es separiere eben auch die Gesellschaft und das sei ja gegen den Grundgedanken der zionistischen Einrichtung: Dass alle gleich sind, gleiche Rechte haben und es kein Eigentum gibt, da alles der Gemeinschaft gehört.


Nazareth

In Nazareth soll einst Jesus gelebt haben. Wir trafen auf einen kreativen Papagei und besuchten die Verkündigungskirche. Hier soll einst das Haus (oder eher die Höhle) sowie die Werkstatt der Heiligen Familie gestanden haben und hier soll Engel Gabriel Maria die frohe Botschaft verkündet haben. Nun hab ich wenig mit Religion zu tun, allerdings war es schon spannend, diese historisch bedeutsamen Stätten zu besichtigen, die in meiner Kindheit eine große Rolle gespielt haben. Es ist erstaunlich, wie viel man noch im Kopf hat. Heute ist Nazareth übrigens die größte arabische Siedlung innerhalb Israels. Auch das ist sehr interessant - im Gegensatz zum modernen Tel Aviv, in dem alles bunt zugeht, sind hier etwa oft Schilder nur in arabischer Schrift zu sehen.


Packliste

  • lange, leichte (nicht durchsichtige) Bekleidung
  • Tuch (verhüllen der Schulter)
  • langer Rock (Knie verdeckt) für religiöse Orte
  • Badeanzug/Bikini
  • Trinkflasche

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