Gott und die Welt, ähm und Kenia

Dass Religion in Kenia eine riesige Rolle spielte, war mir vorher klar. Was das aber so im Generellen bedeutet, das wohl eher nicht. Über fünf Wochen und etliche Unterhaltungen später finde ich es fast ein wenig beängstigend, die Kenianer sind bisweilen fast missionarisch unterwegs.

 

Mein modernes Ich kämpft hier manchmal sehr gegen dieses ultrakonservative Geschwatz a la "Homosexualität ist abnormal", "Wer im Jetzt leiden muss, hat Vorfahren, die böses getan haben" und "Wenn du irgendwas willst, etwa einen Radiergummi, bitte Gott darum, dann kriegst du es."

 

Ich lebe in einem sehr christlichen Waisenhaus, gegründet von der "Mothers Union", einer der anglikanischen Kirche zugehörigen Organisation von Frauen. Dass hier Beten und Gott eine große Rolle spielen, war also von vornherein klar.  Auch in der Schule geht es sehr viel um Religion. An jedem Donnerstag ist eine Stunde "pastorales Programm", dann singen die Kinder der Klassen 1 bis 4 und der Klassen 5 bis 8 jeweils gemeinsam, sie beten gemeinsam und einzelne Kinder singen auch nochmal gesondert vor.

Aber auch vor vielen Stunden, am Ende vieler Stunden und generell wird viel gebetet. Bei der Versammlung der Schülerschaft am Montag und Freitag etwa, aber auch vor jedem offiziellen Treffen im Lehrerzimmer spricht die "Sozialarbeiterin" Gebete. Auch ich wurde schon danach gefragt, Gebete vorzutragen, allerdings habe ich das bislang abgelehnt (käme ich mir als Atheistin auch reichlich blöd dabei vor).

 

Abgesehen davon, dass ich es krass finde, wie stark die Kinder von Religion infiltriert werden und so gar keine Chance haben, nicht glauben zu dürfen, ist es bisweilen auch schwierig im Alltag. Die Kinder müssen etwa täglich beten und danken, dass sie so tolle Lehrer haben (Wahrheitsgehalt spielt keine Rolle), sie müssen generell immer für alles und jeden beten und bekommen eingeredet, dass Gott alles für sie schafft, wenn sie ihn nur lange genug darum bitten. In der Praxis heißt das, dass es nicht schlimm ist, wenn Spielzeug, Schulzeug oder Bücher kaputt gehen - man muss ja nur ein wenig beten, dann fallen neue Materialien vom Himmel. So lernen sie natürlich keinen gesunden und verantwortungsbewussten Umgang mit Eigentum.

 

Zum anderen sind einige unserer Abgängerinnen aus dem Waisenhaus ziemlich direkt nach ihrem Schulabschluss schwanger geworden. Der Kerl war jeweils gleich weg. Diese Kinder werden niemals aufgeklärt, für sie ist Sex offiziell erst in der Ehe erlaubt und sowieso was grundsätzlich schlechtes, weil man davon HIV und/oder Kinder bekommt. Dann probieren sie es irgendwann eben aus - und schwupps, sind sie tatsächlich schwanger, weil sie eben nie gesagt bekommen haben, dass man auch verhüten kann, bzw. sie keinen Ansprechpartner in diesen Fragen haben. Dann ist das ganze Geld, das man in ihre gute Schulausbildung investiert hat, zunichte gemacht - weil sie eben erst einmal alleinerziehende Mütter sind.

 

Abseits davon: auch generell ist der Umgang von Religion geprägt. Ständig soll Gott jemanden blessen, oder Jesus saved jemanden und und und. Das ist ein wenig anstrengend für mich als Nicht-Gläubige. Viele Gespräche landen irgendwann bei Gott und dem Glauben und all dem Drum herum. Das erste dieser wirklich intensiven Gespräche hatte ich nach einer Woche in Kenia, als ich ein Wochenende bei einem kenianischen Ehepaar verbrachte, das mit einem Freund von mir befreundet ist. Sie waren sofort super gastfreundlich, haben mich aufgenommen, wir waren gemeinsam essen und irgendwann kamen wir aufs Thema Religion. Gestern hatte ich ein ebensolches Gespräch mit dem Sohn unserer ehemaligen, inzwischen pensionierten Heimleiterin. Er wollte mir nur ein Laptopkabel vorbeibringen, morgens um 7.30 Uhr und wir haben eine Stunde sehr intensiv diskutiert.

 

Sie versuchen einem den Glauben nahezu aufzudrängen. "Was glaubst du, was passiert, wenn du stirbst?" - "Dann werde ich vergraben." - "Und wenn nicht?" - "Dann gibt es eine Überraschung. Gegenfrage: Was glaubst du, was passiert, wenn du stirbst?" - "Ich komme in den Himmel." - "Und wenn nicht?" - "Das gibt es nicht."

 

Ein Best of:
Zitat: "Wenn die Erstgeborene keinen zum Heiraten findet, dann haben die Vorfahren etwas Böses getan, damit Gott die Familie nun damit bestraft." Generell gilt das auch für etwa Single-Mamas. Oder für Kranke. Es ist immer die Rache für irgendwas. Selbstbestimmtes Leben ist so natürlich nicht möglich. Wenn man die Gegenfrage stellt, warum Gott wollen würde, dass man leidet, so ist die Antwort stets, dass es der Teufel ist, der Böses will. Lustigerweise ist die Ehe hier zwar das Nonplusultra, aber gefühlt geht jeder Typ fremd. Ich habe hier (aufgrund meiner Hautfarbe) so viele Angebote bekommen, wir reden von zwei bis fünf täglich, und die meisten der Typen sind schon verheiratet. Der "Boyfriend aside" und das "Girlfriend aside" sind hier gesellschaftlich akzeptiert, wenn natürlich auch der Partner meist nicht davon weiß.

 

Das hat mich wiederum in die Diskussion um Homosexualität gebracht. Die Religiösen hier finden Homosexualität etwas abnormales, ekliges und etwas, das nicht sein darf. Homosexualität ist auch verboten. Wenn ich etwa frage, wieso zwei Schwule einer Ehe mehr schaden sollten als Mann-Frau, die sich gegenseitig betrügen und belügen, dann kommt meist keine Antwort. Oder: "Sexuell ist das eben nicht gewollt, sonst könnten Mann und Mann Kinder zeugen." Wir sprachen auch über Adoption - und natürlich geht es nicht, dass zwei Männer oder zwei Frauen ein Kind großziehen - das würde ja zur Toleranz dieser Abnormalität gezwungen. "Schau dir diese Kinder da unten an, die meisten sind keine Vollwaisen, die meisten haben ihre Mutter verloren und der Vater ist irgendwann um ihre Geburt herum einfach verschwunden - glaubst du, dass es besser ist, solch einen Vater zu haben als einen schwulen Vater, der sein Kind über alles liebt?" Ja, dann kommen meist keine Antworten mehr. Ändern wird es aber nichts, weil die Bibel ja angeblich sagt, dass es was ganz schlimmes ist. Die besten Blicke ernte ich übrigens, wenn es darum geht, dass ich ja auch einen Freund hätte und keine Freundin, und es für mich damit ja auch so wäre, dass ich mich eben zu Männern sexuell hingezogen fühle. "Ich finde auch viele Frauen sehr attraktiv." - "Aber attraktiv ist was anderes. Du fühlst dich nicht zu ihnen hingezogen und möchtest sie küssen." - "Oh doch!" Herrlich!

 

Heute bin ich nun mal dem sonntäglichen Alltag in Kenia gefolgt und war in der Kirche. Kirche hier ist ganz anders. Nun war ich zwar ewig nicht in Deutschland in einer Kirche, aber aus meiner Kindheit habe ich doch noch die ein oder andere Erinnerung. Der Gottesdienst hier dauert zweieinhalb bis drei Stunden. Kein Scherz. Dafür ist er ein wenig lockerer und lustiger als bei uns. Es wird getanzt, gesungen, geklatscht, da fordert auch mal der Pastor auf, jetzt die Hände in die Höhe zu nehmen oder sich High-Five zu geben.

 

Der erste Teil des Gottesdienstes ist das, was wir auch kennen. Es wird aus der Bibel gelesen, gemeinsam gebetet und gesungen. Dann folgt ein Teil, in dem nur gesungen und getanzt wird - und das wahnsinnig laut. (Generell wird beim Beten und Singen hier immer sehr dolle geschrieen - damit Gott und Jesus sie hören) Danach kommt der Teil, den es bei mir in der Heimat am Ende in ner Minute gab: Das aktuelle vom Dorfgeschehen. Während man sich in meinem Dorf auf "wer ist gestorben, wer hat ein Kind bekommen" etc. konzentriert hat, so geht es hier dann eher um generelles aus dem Dorf. Um Verkehrsunfälle, um Gerüchte (und dass der Satan die holen soll, die Gerüchte verbreiten - natürlich wird dabei zehn Minuten lang das Gerücht quasi weitergetratscht, inklusive aller Namen), um die Wahlen, um Häuserbrände, Diebstahls und andere blöden Dinge. Aber auch darum, wann welche Häuser fertig werden, wann irgendwelche Büros eröffnen usw. Quasi das Gemeindeblatt vorgetragen. Ach ja, ich musste mich dann noch als "Besucher" am Mikrofon vorstellen - was mir äußerst unangenehm war, da ich ja eh schon so aufgefallen bin (in Ndenderu gibt es keine Weißen) und das Publikum dann auch nicht mit "God bless you" und so begrüßt/verabschiedet habe.

 

Im vierten Teil wird zunächst wieder kurz gesungen (es war ein junger Rapper da), danach bekommen etwa Politiker die Erlaubnis, zu sprechen. Im Moment ist das sehr beliebt, denn im August sind in Kenia Wahlen. Der Politiker spricht über seine Beziehung zu Gott, über sein Leben und am Ende macht er dann Wahlwerbung. Danach folgt ein Teil mit einer seeeehr ausgedehnten Predigt (nicht vom Pastor). Zu Liedern und weiteren Gebeten gibt es am Ende schließlich noch die Opfergabe. Schwupps, sind drei Stunden um.

 

Generell fällt auf: Es waren bis auf einen Sprecher (der mit den Gerüchten) alles Frauen. Frauen haben gesungen, die Predigt gehalten, den Gottesdient moderiert etc. Das war schon spannend zu sehen. Generell erschreckt mich aber eher, wie plötzlich alle sektenartig vor sich hinbeten, rumschreien, die Hände zum Himmel strecken, auf den Boden sinken, ihr Gesicht in den Händen vergraben. Aber da es ein großer Teil der kenianischen Kultur ist, war es mir wichtig, doch einmal dabei gewesen zu sein. Noch einmal muss ich diese Erfahrung aber nicht machen!

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