Exzess in roten Hosen

Wer sich Ende April bis Mitte Mai in Norwegen aufhält, kann eigentlich nicht um sie herumkommen: Die Russ. So nennt man die Schulabgänger, quasi die Abiturienten. Sie bauen sich Busse um und fahren damit ein paar Wochen durch das Land, erfüllen verschiedene Aufgaben, die vornehmlich mit Alkohol und Sex zu tun haben, und feiern. Danach stehen die Prüfungen an, die nicht wenige nach dem Partyexzess vergeigen.

 

Laut der Norwegischen Gesellschaft stammt das Wortvom lateinischen "depositurus", was übersetzt "(Hörner) abstoßen, ablegen" heißt. Die letzte Silbe wurde von den Norwegern übernommen. Für die Frankfurter Rundschau habe ich 2014 einen Artikel über die Feiereien geschrieben, den ihr untenstehend lesen könnt.

Exzess in roten Hosen

 

Cornflakes mit Bier hatten Josefine, Johanne und Kristine zum Frühstück. Dafür gibt es einen Anstecker, denn sie haben damit einen Punkt der diesjährigen "Russeknuter", einer Art Mutprobenliste, erfüllt. Die drei 18-Jährigen sind Abiturienten in Norwegen, wo die Abizeit intensiv und exzessiv gefeiert wird.

 

Bis zum 17. Mai, dem Nationalfeiertag, ist es unmöglich, den Russ auf den Straßen des Landes nicht zu begegnen. Sie tummeln sich in ihren speziellen roten (Gymnasium) und blauen (Handelsschule) Hosen auf allen Plätzen, tagsüber noch mit Wasserflaschen, später gibt es Bier, Wein und Schnaps - und jede Menge Party und Sex.

 

Drei bis vier Wochen vor den Prüfungen beginnt die "Russetida". In aufgekauften und umgestalteten Bussen und Autos reisen sie durch das Land. Eine ganze Industrie ist entstanden, spezielle Kleidung, Lieder und technische Ausstattung werden in der Zeit gekauft. Kristine begann bereits vor vier Jahren für ihren Bus zu sparen, sie haben eine Anlage und Discolicht eingebaut und ihn bemalt. Einige Jugendliche verschulden sich sogar: Der teuerste Bus in diesem Jahr hat angeblich 360 000 Euro gekostet - bei 20 Insassen.

 

Mit ihren Bussen fahren die Schüler in Norwegen und Schweden umher und nehmen an Wettbewerben zum schönsten/ausgefallensten/lautesten Bus teil. Außerdem haben sie ihre persönlichen Herausforderungen mit den 100 Punkte umfassenden, freiwilligen, "Russeknuter". "Wir haben gestern draußen gebadet, das war sehr kalt", erzählt Josefine, "ich bin schnell ins Wasser reingerannt, kurz untergetaucht und sofort wieder raus."

 

Jedes Jahr ist die ausgelassene Zeit, die man in einem Land, in dem man nur zu bestimmten Zeiten und nur in einem speziellen Weinhandel Alkohol kaufen kann, von Kritik begleitet: Zwar gibt es auch lustige Aufgaben wie einen Tag mit Brot als Schuhen zur Schule zu gehen, die meisten drehen sich aber um Alkohol und Sex. Anstecker gibt es dafür, einen Kasten Bier in 12 (Männer), beziehungsweise 24 (Frauen) Stunden auszutrinken oder zu dritt einen Kasten Bier in einem Passfotoautomaten auszutrinken, ohne dazwischen aufs Klo zu gehen. Außerdem auf der Liste: Sex mit sieben Personen in sieben Tagen oder Sex im Wald vor drei Zeugen.

 

Vor einigen Jahren eskalierten die Mutproben, die eine über 80-jährige Tradition haben, beinahe, denn auch jede Schule und teilweise einzelne Gruppen geben noch einmal extra Listen heraus. Es existierten plötzlich "schwarze Listen", auf denen Raubüberfälle und Vergewaltigungen standen. In diesem Jahr ein Punkt auf der offiziellen Liste: Das Logo "Nein ist nein - gegen gewaltsamen Sex" sichtbar auf der Hose tragen.

 

Der Verband gegen Rauschmittel startete bereits vor einigen Jahren eine Kampagne, die Schüler vor den Konsequenzen der "Russetida" zu warnen. Der Vorsitzende des Verbandes, Knut T. Reinås sagt, er könne verstehen, dass die Schüler die Zeit lustig fänden, das sei aber umso mehr ein Grund, sie an ein verantwortungsbewusstes Verhalten zu erinnern. "Dumme Aktionen können nicht damit entschuldigt werden, dass die Schüler dabei betrunken waren", sagt er. Abgesehen davon, dass auch kurzzeitiger exzessiver Alkoholkonsum gesundheitliche Folgen haben könne, häuften sich in der Zeit Verkehrsunfälle und Gesetzesbrüche.

 

"Man kann in kurzer Zeit zerstören, was man sich zwölf Jahre lang aufgebaut hat", sagt Gyri Reiersen, Präsidentin der christlichen Russ, denn die Prüfungszeit beginnt ab 18. Mai. "Ich kenne einige Russ, die nur ihre roten Hosen gekauft haben, sonst aber nicht dabei waren, weil sie das nicht lustig finden", sagt die 18-Jährige. Deshalb habe sich zum einen die Gruppe gegründet, zum anderen erfanden sie ihre eigenen "Krusseknuter"- ohne Alkohol und Sex. "Je mehr du mit Alkohol feierst, ehe du ans Ziel Abitur kommst, desto schlechter wirst du dabei abschneiden."

 

Josefine, Johanne und ihre Freundinnen finden das alles halb so wild. "Wir sind ja nicht die ganze Zeit voll", sagt Johanne, "daher ist das nicht so schlimm." Ihnen gehe es vielmehr darum, gemeinsam Zeit zu verbringen, neue Leute aus dem Jahrgang kennenzulernen und viele Erinnerungen mitzunehmen. Einer Studie nach folgen die meisten Russ nur dem Gruppenzwang, dem widerspricht die 19-jährige Vilde, die ohne ihre rote Hose unterwegs ist: "Wer nicht will, hält sich raus. Man muss das nicht ausarten lassen, nur um kein Außenseiter zu sein."

(Erschienen in der FR am 26. April 2014)

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