Schanzen-Hopping

Während meiner frühen Jugend war Skispringen in Deutschland sehr beliebt. Es waren die Erfolgszeiten von Martin Schmitt, der omnipräsent war. Davor Weißflog, Thoma und Co, danach Sven Hannawald. Es war also quasi nicht möglich, am Skispringen vorbeizukommen.

 

Mein Interesse begann etwa im Jahr 1998, als ich Skispringen zum ersten Mal so richtig im Fernsehen verfolgt habe. 1999, als wir dann tatsächlich Internet bekamen, habe ich mich im RTL-Skisprungchat angemeldet und meine Jugend habe ich eigentlich hauptsächlich mit Menschen verbracht, die ich über diese Chatplattform im Laufe der Zeit dann auch persönlich kennengelernt habe.

Das erste Mal an einer Schanze war ich als Badnerin aber nicht etwa in Titisee-Neustadt oder Hinterzarten, sondern in Harrachov. Zusammen mit zwei Chat-Freundinnen aus Föhr und Dresden und zwei derer Freunde ging es im März 2002 nach Tschechien. Damals war ich gerade 16 Jahre alt geworden und es war quasi meine erste Reise alleine, so weit weg, ins Ausland, ohne Eltern. Wir fuhren bis nach Liberec, in einem Zug, der seinen Namen nicht verdient hatte. Es waren alte Holzpritschen, es ruckelte unendlich und man hatte ständig irgendwelche Holzsplitter im Po. Wir verpassten in Liberec auch gleich unseren Anschlusszug, aber damals war Tschechien noch ein sehr billiges Land, daher nahmen wir zu fünft ein Taxi. 

 

In Harrachov fand 2002 die Skiflug-Weltmeisterschaft statt und damals gewann Sven Hannawald vor Martin Schmitt. Es war für mich total beeindruckend, diese jungen, dünnen Menschen mit ihren Skiern von dieser riesigen Schanze stürzen zu sehen. Da es in Harrachov, anders als zu dieser Zeit in Deutschland, wenig weibliche Fans gab, die schon früh morgens zu Unzeiten an der Schanze waren, um ganz vorne zu stehen, war es ein sehr entspanntes Ambiente. Und ich fand es generell sehr schön, die Stars aus dem Fernsehen, die sie damals für mich waren, beim Einkaufen im Souvenirshop oder abends im Restaurant zu treffen.

 

Es dauerte anderthalb Jahre, ehe meine richtig intensive Skisprung-Zeit begann, mit dem Weltcup in Titisee-Neustadt Ende 2013 fand ich eine Art Clique - natürlich über den RTL-Chat, mit der ich fortan zu den Schanzen dieser Welt reiste. Unser Interesse steigerte sich von Mal zu Mal und wir fuhren auch zu Continentalcup- und FIS-Cup-Springen. Wir fuhren später mehrfach auch nach Garmisch-Partenkirchen und Oberstdorf zur Vier-Schanzen-Tournee, wir waren bei der Skiflug-WM in Oberstdorf und im Sommer beim Springen und bei Trainingslagern verschiedener Mannschaften in Hinterzarten. Continentalcups sahen wir in Neustadt, Braunlage, Garmisch-Partenkirchen und Brotterode.

 

Text geht unter den Bildern weiter.

Wie es in der Jugend so ist, stand der Spaß an erster Stelle. Wir feierten abends in den Bars - und zu Beginn noch in den Festzelten, die aufgrund der Publikumsmengen an der Schanze aufgestellt waren -, und am nächsten Morgen standen wir nach minimalem Schlaf möglichst früh auf, um uns an die Schanze zu stellen. Im Winter hielten wir uns mit dicken Jacken, Wärmekissen und viel Alkohol warm. Ich hatte schnell einen Freundeskreis vor Ort, nicht nur die drei Mädels aus meiner Umgebung, mit denen ich auch außerhalb des Skispringens viel zusammenhing, sondern auch viele andere Fans, die man auf quasi jedem Event traf. Es war wie ein großes Klassentreffen alle paar Wochen, denn man kannte gefühlt die Hälfte derjenigen, die sich zur Zeit im Ort aufhielten.

 

Außerdem ließen sich die Skispringen auch immer mit schönen Touren verbinden. Mit unseren Schülerferien- oder Wochenendtickets fuhren wir stundenlang in Regionalzügen nach Deutschland und machten dabei noch schöne Ausflüge. Im Sommer badeten wir im Titisee oder schlenderten durch Freiburg, im Winter waren wir in Seefeld oder machten einen Abstecher nach Ljubljana.

 

Während meines Auslandsjahrs in Norwegen nahm ich dort ebenfalls einige Skispringen mit. Ich war zum Nordic Tournament in Lillehammer und Oslo und zum Weltcup sowie zum Sommer-Skispringen in Lillehammer, außerdem zum Continentalcup in Vikersund (Foto oben). Das waren nochmal ganz neue Herausforderungen, weil es noch einmal ne ganze Nummer kälter war: In Lillehammer konnte man sich nur noch im kleinen Kiosk aufwärmen - zum Glück waren dort nicht so viele Menschen.

 

Nach dem Auslandsjahr hat es sich irgendwie verlaufen mit dem Skispringen. Wir sind alle älter geworden, die Interessen haben sich geändert, vor allem aber die Prioritäten. 2010 gab es für mich noch einmal ein kleines Comeback, als ich mit Freunden aus alten Zeiten zum Skispringen nach Planica fuhr. Mit dem Auto ging es ab Bremen los, unterwegs sammelte ich Leute ein, und über Österreich landeten wir schließlich in Kranjska Gora, wo wir unsere Ferienwohnung hatten. Da es sich bei Planica um den Saisonabschluss handelt, stand dort vor allem die Feierei im Vordergrund.

 

Irgendwann Ende 2014 kam noch einmal der Wunsch auf, mit der einstigen alten Clique zusammen zum Skispringen zu fahren. Im Januar 2015 waren wir daher noch einmal in Titisee-Neustadt. Auch wenn es sehr schön war, war es doch anders. Es kamen tatsächlich vier von sechs aus dem einstigen harten Kern und wir hatten eine tolle Zeit. Aber mit den Partyzeiten war es vorbei, der Ort war wie ausgestorben, auch am Abend. Die Bars von damals gab es nicht mehr.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Follow me on Twitter



KONTAKT: 

TELEFON: 0177 2856802

MAIL: miriam.keilbach@gmx.de

Twitter: MiriamK86

Facebook